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Mitleid

Es war in tiefen Winter. Sogar bei uns im Ruhrgebiet lag ein halber Meter Schnee und das bereits seit einer Woche. Wir Kinder stapften bei grauem Himmel und Kältegraden weit unter dem Gefrierpunkt missmutig zur Schule. ´Schneefrei` gab es schon lange nicht mehr. Wir konnten uns also allein beim Blick durchs Fenster an der glitzernden Landschaft erfreuen.

An jenem Tage sollte etwas passieren, was uns alle sehr berühren würde. Wie immer machte ich mich des Morgens auf den Schulweg. Nach einer Viertelstunde betrat ich den Schulhof. Brr, war das kalt!
„Na ja, gleich kann ich mich drinnen aufwärmen!“, murmelte ich und steuerte gedankenverloren auf die Eingangstüre zu.

Plötzlich hörte ich etwas leise wimmern. Erschrocken sah ich mich um. Da saß ganz hinten neben einem kleinen Gebüsch ein junger Hund. Ich brachte es nicht fertig, einfach weiter zu gehen, sondern lief rasch zu ihm. Es war ein Schäferhundwelpe, vielleicht gerade mal fünf Monate alt. Sein Fell hing in verfilzten Zotteln an ihm herunter. Das Tier zitterte wie Espenlaub.

„Ach, du Armer!“, sprach ich ihn sanft an.
Der Hund guckte mich aus treuen Augen flehend an. Ich nahm ihn einfach in den Arm und versuchte ihn mit meiner Jacke ein wenig zu wärmen. Er hörte auf zu winseln und leckte mir die Hand.

„Ich darf dich nicht mit hinein nehmen!“, schluckte ich.
Bei dem Gedanken, den Winzling da draußen in der Kälte zurück lassen zu müssen, war es mir sehr elend zumute. Weil es nicht anders ging, streichelte ich ihn noch ein letztes Mal und marschierte dann schleppenden Schrittes ins Schulgebäude.

Vom Unterrichtsstoff bekam ich in jener ersten Stunde nichts mit. Viel zu sehr beschäftigte mich das Schicksal dieses einsamen Hundekindes. Mich quälten grausame Üerlegungen:
„Mein Gott! Wurde er herzlos ausgesetzt oder hat er sich verlaufen und findet nicht mehr zurück? Was wird aus ihm, wenn sich niemand um ihn kümmert? Muss er dann verhungern oder gar erfrieren?“
Ich schluckte und schluckte.

Man muss es mir angesehen haben, wie sehr da etwas in mir arbeitete, denn plötzlich fragte mich unser Lehrer:
„Gaby, was ist denn mit dir? Hast du Kummer?“
Ich nickte, konnte die aufsteigenden Tränen nicht mehr zurückhalten und stieß hervor:
„Auf dem Hof sitzt ein kleiner Hund. Er scheint kein Zuhause zu haben und zittert sich dort halbtot.“

Er entgegnete mit ernster Miene:
„Du weißt, dass hier in den Klassen Tiere nicht geduldet werden!“
„Ja, aber... Wir dürfen doch dieses arme Wesen dort ...“

Hilflos und nicht verstehend blickte ich ihn an. E wurde sichtlich verlegen. Da spürte ich, dass mein Lehrer genauso dachte wie ich. Das gab mir Mut ein, einen Mut, wie ich ihn selber von mir nie vermutet hätte.

Ich erhob mich und sah meine Klassenkameraden beschwörend an:
„Den können wir doch nicht seinem Schicksal überlassen. Ich mach` da nicht mit, egal, ob ich ´nen Tadel kriege oder nicht!“
Ich schaute nochmals meinen Lehrer an. Er widersprach nicht mehr und ich glaubte, ein leises Lächeln in seinen Augen zu sehen. Das gab dann den Ausschlag.

Alle waren einer Meinung, dass wir einen Weg finden mussten, dem kleinen Kerl zu helfen.
„In die Klasse darf er zwar nicht, aber bestimmt vorne in die Eingangshalle. Dagegen sagt keiner was.“
Einer von uns kramte im Tornister und holte sein Frühstücksbrot heraus.
„Er braucht das dringender als ich!“

Unser Lehrer guckte sichtlich gerührt und dann geschah es: Er unterstützte uns sogar! Er schickte eine Schülerin in die Schulküche. Sie brachte von dort eine große Schale lauwarmen Wassers mit. Unser Lehrer selber lockte dann den Kleinen mit einem Happen Wurst in die Halle, in der wir alle schon auf ihn warteten. Zur Begrüßung gab es –zig Streicheleinheiten, die er ungemein genoss.
„Ängstlich ist der aber gar nicht! Also hat er bisher keine schlechten Erfahrungen mit Menschen gemacht!“
Das machte uns sehr froh.

„Strubbel“, wie wir den Findling nannten, ließ sich von hinten bis vorne verwöhnen und verteilte Vollwäschen am laufenden Band. Auch unser Lehrer blieb davon nicht verschont. Er wehrte den Hund nicht etwa ab, sondern schmuste sogar mit ihm.

„Strubbel braucht ein Zuhause!“, erklärte er uns. „Wir müssen ihn ins Tierheim bringen. Dort ist er wenigstens gut versorgt.“
„Ins Tierheim?“, empörte sich die ganze Klasse. „Dann ist er aber doch wieder allein!“
Nein, da waren sich alle einig: So nicht!

Da meldete sich ein Junge:
„Ich weiß, was wir machen. Meine Eltern lieben Tiere. Die haben bestimmt nichts dagegen, wenn Strubbel erst einmal für ein paar Tage bei uns wohnt. Ich ruf` am besten gleich mal zu hause an.“

Strahlend kam er zurück:
„Der darf zu uns! Mein Vater hat gesagt, dass wir dann in den nächsten Tagen rum hören werden, ob irgendwo ein kleiner Hund vermisst wird. – Und, falls nicht“, jubelte er los, „dann darf ich ihn behalten!!“

Vor Freude sprang er wild herum und konnte sich kaum wieder beruhigen. Unsere ganze Klasse geriet außer Rand und Band:
„Strubbel, dann gehörst du zu uns!“

Der Unterricht war vergessen, obwohl ...
Wir hatten etwas sehr Wichtiges gelernt. Wir hatten erfahren, was es bedeutet, die Verantwortung für ein anderes Lebewesen zu übernehmen.

Es endete fast wie im Märchen. Strubbel gehörte niemandem. Er wurde nirgendwo vermisst und gewann dann nicht nur eine Familie, sondern mit uns sehr viele Freunde auf einmal dazu.

Gaby Schumacher

4.7.09 10:53
 


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