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Armer Hund

Struppi war ein Pudel-Colli_Mischlingsrüde. Er verbrachte die ersten elf Monate seines Lebens mit sechs weiteren Hunden in einem nur knapp 12 Quadratmeter grossem Zwinger. Durch die dort vorherschende Enge zum einen und wegen des täglichen Kampfes um das spärliche Futter zum Anderen, hatte Struppi, wie auch alle anderen Hunde, zahlreiche Bisswunden. Da diese natürlich nicht versorgt wurden und der Zwinger so gut wie nie gereinigt wurde, entzündeten sie sich und die Hunde waren allesamt agressiv und fiebrig. Eines Tages wurde der Tierschutzverein auf diesen gewissenlosen Hundhalter aufmerksam und die Tiere wurden mit polizeilicher Unterstützung in ein Tierheim gebracht, wo ihr Fieber behandelt und ihre Wunden versorgt wurden. Der Hundehalter bekam eine Geldstrafe von fünfhundert Euro und hat bestimmt schon die nächsten Hunde. Struppi war nicht nur der Jüngste Hund aus dem Rudel sondern auch der Schwächste. So lag Struppi meist in einer Ecke des Tierheimzwingers und bemitleidete sich um sein erbärmliches Leben. So zeigte Struppi auch an jenem Tag, als Melanie Wagner das Tierheim betrat, auf der Suche nach einem vierbeinigen Freund, keinerlei Regung. “Schon wieder so eine, die hier Fleischbeschau hält” dachte sich Struppi, als Melanie vor seinem Zwinger stand und drehte sich demonstrativ zur Seite. “Die sollen doch in den Zoo gehen, wenn sie Tiere begaffen wollen und uns in Ruhe lassen”, dachte Struppi weiter und schnaubte abfällig durch die Nase, während alle anderen Hunde des Tierheims wild bellend an die Gitter rannten und darum bettelteten, das sie doch sie mitnehmen solle. Doch es war ausgferechnet Struppi, der es Melanie angetan hatte. “Was ist denn mit dem los?” fragte sie die Tierpflegerin, “Der sieht so traurig aus.” Die Pflegerin erzählte ihr Struppis Lebensgeschichte und Melanie traten bei der Erzählung die Tränen in die Augen. “Bruchst hier nicht rum zu flennen, schliesslich seid es ihr Menschen, die schuld daran sind, dass es uns so dreckig geht und wir hier in Betonzwingern eingesperrt werden” dachte Struppi abfällig und verkroch sich in seine Hütte. Er war diese täglichen “Mitleidsbesuche” von “Sensationstouristen”, wie er es nannte, einfach leid. “Franz, mein Mann, arbeitet für eine Sicherheitsfirma, die Alarmsysteme für Firmen konzipiert und einbaut”, sagte Melanie, als sie sich wieder etwas gefangen hatte, “er arbeitet 14 Stunden am Tag und mehr und wenn die fertigen Systeme dann eingebaut werden, dann ist er oft Tage lang unterwegs. Aus diesem Grund bin ich sehr viel allein und suche daher einen treuen Vierbeiner, der mit mir zusammen auf Franz wartet. Ich möchte gerne Struppi haben. Ich denke er hat ein liebevolles Zuhause verdient.” Jetzt traten ein paar Tränen der Rührung in die Augen der Tierpflegerin, denn für das Tierheim war dieser zurückhaltende Hund ein absoluter Problemfall, der bestimmt nicht vermittelbar war. Und jetzt kam Melanie und wollte ausgerechnet diesem Hund ein neues Zuhause geben. Die Tierpflegerin schluckte nur kurz und gab Melanie wortlos einen Wink mit der Hand, mit dem sie ihr andeutete ihr ins Büro zu folgen, um die “Adoptionspapiere” fertig zu machen. Als alles unterschrieben und die Schutzgebühr bezahlt war, gingen sie gemeinsam zu Struppis Zwinger, legten ihm ein Halsband und die Leine an und Melanie verliess das Tierheim in der Begleitung von diesem Hund. “Na klasse”, dachte sich Struppi, “150 Hunde hat es in diesem Knast und ausgerechnet mich erwischt es. Beiss ich denn immer nur in die Scheisse? Jetzt geht das ganze Drama also wieder von vorne los.” Unwillig stieg Struppi in Melanies Kombi ein. Die ganze Fahrt über gab er keinen Ton von sich und malte sich schon aus, in was für einem Zwinger und mit wievielen anderen Hunden er wohl jetzt sein Dasein fristen müsse. Am Ziel angekommen musste Melanie ihren Hund förmlich aus dem Auto zerren. Struppi wollte einfach nicht wieder in so einen winzigen Zwinger, doch es half nichts und er gab dem Unvermeidlichem schliesslich nach. “Na prima”, dachte Struppi, als sie das Haus betraten, “noch schlimmer als befürchtet, ein Steinzwinger ohne Auslauf”. Im Flur zog Melanie erst mal ihre Schuhe und den Mantel aus, bevor sie dann ins Wohnzimmer gingen. “Ach so, das ist ein Menschenzwinger! Und wo muss ich dann hin?” Eigentlich wollte er es ja gar nicht wissen. Er würde es noch früh genug erfahren. “Tut mir leid Struppi, Du warst irgendwie so eine Spontanentscheidung und so habe ich gar kein Körbchen für Dich.” “Aha! Spontanentscheidung. Körbchen! Pah! Nette Bezeichnung für einen Maulkorb! Na, da kann ich mich ja noch auf was freuen. Gibt es hier auch soetwas wie einen Fluchtweg?” Melanie konnte Struppis Gedanken nicht lesen und überlegte unterdessen, wo der arme denn nun seinen Platz haben könnte. “Weisst Du was?”, meinte sie schliesslich, “es ist ja nicht deine Schuld, dass ich mich nicht vorbereitet habe. Du darfst dir dein Plätzchen auf der Couch machen.” “Ist jetzt nicht dein Ernst oder? Verscheissern kann ich mich selbst. Das hier ist ein Menschenzwinger und ein Menschenplatz. Wenn ich mich als Hund dem zu sehr annäher dann gibt es Prügel, das kenne ich schon!” Aber Melanie hatte bereits eine Wolldecke über die Couch geworfen und schlug nun mit der flachen Hand auf die Sitzfläche. “Na komm schon! Da darfst du dich drauflegen.” Struppi legte den Kopf schief und betrachtete die Couch. Sah ja wirklich gemütlich aus und gegen ein kleines Nickerchen auf so einem komfortablen Ding wäre wirklich nichts einzuwenden, aber was ist, wenn der Alte heim kommt und das sieht? Dann gibt es bestimmt wieder Dresche, die noch Wochen später schmerzt. Struppis Vorsicht gebot es ihm dann schliesslich, diesem verlockenden Angebot nicht nach zu kommen und sich lieber unter dem Couchtisch zusammen zu rollen. “Wie du willst. Du kannst Dir das ja noch überlegen. Ich sehe mal nach ob ich für dich etwas zu fressen finde”, sagte sie und verschwand in der Küche. “Jaja, fressen!” dachte sich Struppi mit einem leichten, kaum hörbaren Winseln, “jetzt gibt es wieder so eine vergammelte Billigdose, 50% billiger, weil vor einem Jahr abgelaufen. Vorbei ist es mit dem guten Trockenfutter aus dem Tierheim!” In diesem Moment kam Melanie auch schon zurück. Sie hielt ein Plastikschälchen, in dem einmal frische Erdbeeren abgepackt waren, in der Hand. “Hier, das ist für dich. Ist gestern übrig gebieben” “Hm, vergammelte Reste hin oder her, ich hab Kohldampf und da fresse ich alles!” und so stürzte er sich auf das Fressen, bevor von irgendwoher ein anderer Hund kommen und ihn wgbeissen könnte. “Hey, das war mit Abstand die beste Dose in meinem ganzen Leben!” dachte er und Melanie hatte das Gefühl ein Lächeln in Struppis Gesicht sehen zu können, bevor er sich wieder unter dem Couchtisch zusammen rollte. Er wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte, als er plötzlich durch das Zufallen der Haustür geweckt wurde. “Auweia! Der Alte kommt! Jetzt setzt es Hiebe!” Flink rannte er zur Terrassentür und prallte gegen die Glasscheibe. “Mist! Abgeschlossen und kein Fluchtweg weit und breit!”  Melanie hatte ihrem Mann unterdessen von Struppi und seinem Schicksal berichtet und so trat Franz neugierig ins Wohnzimmer ein, um das neue Familienmitglied zu betrachten. Struppi hatte sich in der Zwischenzeit zitternd in die entfernteste Ecke verdückt und erwartete nun seine Tracht Prügel. “Der arme Kerl ist ja ganz verängstigt”, sagte er und ging langsam und in gebückter Haltung, die rechte Hand nach vorne gestreckt, auf Struppi zu. “Der braucht auf jeden Fall erst einmal seinen Platz! Er kann meinen Sessel haben, ich bin ohnedies meistens im Arbeitszimmer.” Bestimmte Franz, doch Melanie schüttelte nur mit dem Kopf. “Ich hab ihm schon eine Decke auf die Couch gelegt und sie ihm wie sauer Bier angeboten, aber er will nicht.”  Struppi verstand die Welt nicht mehr. Träumte er das jetzt alles bloss, oder verstand er die Sprache der Menschen auf einmal falsch, oder waren diese Menschen hier irgendwie falsch gepolt?” “Papelapap!” schaubte Franz abfällig, “Decke! Was für ein Blödsinn. Die stinkt doch nach Weichspüler, der Hund muss uns riechen können! Komm her Struppi, darfst auf meinen Sessel. Da ist auch keine stinkige Decke drauf!” Zaghaft kam Struppi näher. “Ich glaub der meint das ernst”, dachte er. “Der sieht zwar aus wie ein Mensch, riecht auch so, aber der meint das trotzdem ernst!” Er war inzwischen bei Franz’ Füssen angekommen, noch immer in unterwürfig geduckter Haltung. Franz streckte langsam die Hand weiter aus und begann den Hund zu kraulen. “Ist schon verrückt”, dachte sich Struppi, “aber hier sind die Prügel ja richtig angenehm. Ja, so könnte ich den ganzen Tag lang verhauen werden.” Nach einer Weile stand Franz vorsichtig auf. “Ich muss noch ein paar Pläne fertig machen, du kannst dich ruhig auf meinen Sessel legen” Struppi begann zu überlegen. Der Sessel sah wirklich sehr einladend bequem aus und es würde ihm sicher gut darauf gefallen, wenn er aber sich auf diesen Menschenplatz legt, dan bedeutet dies gewiss Prügel. Genau! Ein Grund mehr! Mit einem Satz lag Struppi auf dem Sessel und Melanie guckte nur ganz ungläubig. Was hatte sie sich abgemüht ihn auf die Couch zu bringen, ohne Erfolg und jetzt dies. Struppi legte sich in voller Grösse quer auf den Sessel, die Pfoten nach oben gestreckt. “Los, schlag mich, ich liege auf deinem Sessel, du musst mich wieder verhauen, so wie eben!” Franz schmunzelte und kraulte Struppi den Bauch. “Na also, klappt doch! Hör bloss nicht auf mich zu verhauen. Ich mag das!” Lächelnd drehte er sich um und ging zu seinem Arbeitszimmer. “Ich mag den Kleinen”, sagte er, als er sich noch einmal kurz zu Melanie und dem Hund umdrehte, “hast du gut gemacht! Den und keinen anderen!” Dann verschwand er in seinem Arbeitszimmer.
Das nun folgende halbe Jahr war das Paradies auf Erden für den kleinen Hund. Gassi, gehen, im Wald herumtoben, die guten Dosen jeden Tag und Montags sogar die Reste von den “Menschendosen”, die am Wochenende übrig geblieben waren. Ja und nicht zu vergessen die “Schläge”, die er jeden Abend von Herrchen bekam. Immer wenn er die Tür hörte, dann eilte er schnell auf seinen Sessel, damit er auch ja wieder so angenehm “verhauen” würde. Doch dann eines Tages geschah das unfassbare. Frauchen, die schwer Herzkrank war bekam wieder einmal einen Anfall. Diesmal war der Anfall recht heftig und in Todesangst hangelte sie sich zu dem Medikamentenschrank und tastete nach ihren Herztabletten. Panisch schluckte sie drei von ihren vermeintlichen Herztabletten, aber in der Hast hatte sie die Coffeintabletten von Franz erwischt, die er sich ab und zu einwarf um munter zu bleiben, wenn er mal wieder nächtelang an einem Projekt arbeitete. Als Franz kurze Zeit später nach Hause kam, viel ihm auf, das Struppi nicht, wie üblich, auf dem Sessel lag und auf seine “Prügel” wartete, sondern aufgeregt bellend abwechselnd zu ihm und dann ins Badezimmer lief. Dort fand er dann Melanie regungslos auf dem Boden liegend. Sofort verständigte er den Notarzt und Melanie wurde ins Krankenhaus gebracht.
“Sie liegt im Koma und, ich will ehrlich zu ihnen sein, die Chance, dass sie aus diesem Koma jemals wieder erwachen wird ligt bei Eins zu Hunderttausend”, sagte der Chefarzt, nach unenlich scheinender Wartezeit. Franz sank auf dem Stuhl in dem Warteraum zusammen. Er sass wohl mehere Stunden einfach nur so da und starrte leer in die Luft. Alles wofür er gearbeitet hatte, war jetzt sinnlos geworden. Was soll das jetzt ohne Melanie noch alles für einen Sinn ergeben? “Gehen sie doch nach Hause”, sagte eine Schwester mit warmer Stimme zu ihm, “sie können jetzt doch nichts für ihre Frau tun und zu Hause warten doch sicher ihre Kinder auf sie.” Kinder nicht aber Struppi!, dachte sich Franz und erwachte aus seiner Melancholie. Mein Gott, Struppi! Was mag der arme Kerl wohl jetzt durchmachen? Er nickte der Schwester zustimmend zu und erhob sich. Zu Hause angekommen wurde er schon von ihrem Hund erwartet. Er hatte sich auf Frauchens Decke zusammengerollt und blickte ihn fragend an. “Sieht nicht gut aus, Struppi. Gar nicht gut.”  Kraftlos sank er auf seinen Sessel und beschloss die nächsten Tage nicht zur Arbeit zu gehen. Dafür hatte er jetzt überhaupt keinen Kopf.
Er muss wohl auf dem Sessel schliesslich eingeschlafen sein, denn genau dort wachte er am nächsten Morgen auf, als es an der Tür läutete. Es war die Polizei mit einem Haftbefehl. “Ihnen wird vorgeworfen, die Tabletten ihrer Frau vertauscht zu haben, um die Versicherungssumme aus der Lebensversicherung ihrer Frau zu kassieren. Sie können von Glück sagen, dass es bis jetzt nur versuchter Mord ist, aber wie die Dinge stehen, wird bis zur Verhandlung Mord draus”. So in etwa der Konsens der Polizisten. “Soll das ein schlechter Witz sein?”, fuhr er die Polizisten an, “Für kein Geld der Welt würde ich meiner Frau auch nur ein Haar krümmen, geschweige denn für die paar Piepen umbringen!” “Nunja, eine halbe Million Euro sind ja nun mal nicht unbedingt “ein paar Piepen”, oder?” entgegnete einer der Polizisten. “Gegen das Leben meiner Frau ist das sogar noch viel weniger als ein paar Piepen! Machen sie meine Frau wieder gesund und sie können das Geld mit tausend Freuden haben!” “Wenn ihre Frau wieder gesund werden würde, dann gäbe es auch kein Geld”, sagte der Polizist abfällig und führte ihn ab.
Bis zur Verhandlung sass Franz in Untersuchungshaft und Struppi wieder einmal im Tierheim.
An Melanies Zustand hatte sich bis zum Tag der Verhandlung nichts verändert und so wurde Franz wegen versuchtem Mord zu zwei Jahren ohne Bewährung verurteilt.
Obwohl Struppi noch teilnamsloser im Tierheim vor sich hinvegetierte, als beim ersten Mal, wurde er bereits nach vier Wochen erneut vermittelt. Er kam zu einem älteren Ehepaar, deren Pudel vor kurzem verstorben war und boten Struppi alles, was sich ein Hund nur wünschen kann. Dennoch, Struppi blieb teilnahmslos, frass nur das nötigste und trauerte “seiner” Familie nach. Sechs Wochen später bot sich Struppi die Chance: Er war mal wieder in dem grossen Garten und lag lustlos unter dem grossen Magnolienbaum, in der Mitte des Gartens, als er bemerkte, dass sich das Gartentürchen im Wind bewegte. “Hoppla, das Ding ist ja offen!” Wie der geölte Blitz schoss er durch das Gartentürchen in die Freiheit. Im gleichen Moment geschah im Krankenhaus das Wunder. Melanie erwachte aus ihrem Koma! Die Ärzte hatten sie schon aufgegeben und diskutierten darüber, ob und wann die Geräte abgeschaltet werden sollten und nun erwacht sie aus heiterem Himmel.
Struppi irrte unterdessen auf der Landstrasse umher. Hatte er doch versucht, sich den Weg damals zu merken, aber so ganz brachte er es dann nicht mehr zusammen, denn diese älteren Leutchen wohnten ziemlich abgelegen und es waren über 200 KM gewesen, aber aufgeben kam nicht in Frage, er musste es schaffen, wieder nach Hause zu kommen. Es war bereits spät am Abend, als er den Spielplatz eines kleinen Ortes erreichte. Seine Pfoten hatte er inzwischen blutig gelaufen und so legte er sich in eine der kleinen Häuschen auf dem Spielplatz hin, um sich auszuruhen. Dort fand ihn dann am nächsten Morgen ein kleines Mädchen. Mit laut quietschendem “Wie süss” und “armes Hundi”zerrte sie ihn an seinem Halsband mit nach Hause. Vor Schmerzen winselnd hinkte Struppi auf seinen wunden Pfoten hinterher. Er hatte nicht die Kraft sich zu wehren. “Guckt mal, was für ein süsses Hundi ich gefunden hab!”, quietschte das Mädchen zu Hause. Der Vater hingegen, der gerade erst von der Nachtschicht heim gekommen war, zeigte weniger Begeisterung über diesen Fund. “Wo hast du den diese Drecktöle gefunden? Bring das Vieh wieder dahin, wo du es hergeholt hast! Soweit kommt das noch, ein Flohsack in der Wohnung!”  “Och, bitte!” quietschte das Mädchen weiter. “Es ist zugegeben ein ungünstiger Moment”, dachte Struppi, “aber ich muss mal!” Zaghaft humpelte er zur Wohnungstür und deutete kratzend an, dass er mal dringend raus müsste. Wütend sprang der Vater auf “Jetzt zerkratzt das Mistvieh auch noch den Schleiflack von der Tür!” Hasserfüllt trat er Struppi in die Seite, der darufhin in das Zimmer zurückflog. Vor Schmerzen jaulend, hatte sich Struppi nicht mehr unter Kontrolle und machte unter sich. “Jetzt reicht es!” brüllte er, schnappte den Hund am Genick und verliess mit ihm die Wohnung. Auf der Strasse angekommen, öffnete er den Laderraum seines Lieferwagens und warf den Hund hinein. Polternd schlitterte Struppi bis ans Ende des Laderaums, wo er dann mit dem Kopf gegen die Wand stiess und bewusstlos wurde. Der Mann fuhr die Landstrasse entlang, bis zu einem entlegenen Parkplatz. Hier stoppte er den Wagen, öffnete den Laderaum und holte den regungslosen Hund heraus. “Hast Glück, dass du vorher verreckt bist.  Jetzt kommst du dahin, wo du hin gehörst”, sagte er, öffnete einen der dort bereitstehenden Müllcontainer und warf den Hund hinein. Hier blieb er nun liegen, bis er am nächsten Tag durch das Dröhnen eines Müllautos aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte. Panisch sprang er aus dem immer noch offenstehenden Container und kam jaulend auf dem Boden auf. Trotzdem, dass ihm die Pfoten wehtaten und der Bauch durch den Tritt schmerzte und jeder Atemzug eine Qual war rannte er davon. “Bloss nicht wieder von irgendwem eingefangen werden” dachte er sich und rannte, bis er sich in sicherer Entfernung zu dem Müllauto wähnte. “So geht das nicht weiter”, dachte er, “ich muss mich erst einmal irgendwo ausruhen und meine Wunden lecken. In dem Zustand komme ich nie an!” Gemächlich hinkte er einen Wanderweg entlang, er hatte zwar keine Ahnung, wo er war und wo es lang ging, aber sein Instinkt sagte ihm, das er in der richtigen Richtung unterwegs war. Ab und zu fand er in den aufgestellten Papierkörben ein paar fressbare Reste und dank des Regens vor zwei Tagen fand er auch hier und da noch eine Pfütze gegen den Durst. Abermals dämmerte es und Struppi hatte kaum noch Kraft zum Laufen, als er in der Ferne einen “Schnellimbiss” entdeckte. Es war eine Hühnerfarm mit Freilaufhennen, vielen Freilaufhennen! “Blöder Mist”, fluchte Struppi, “eingezäunt! Aber irgendwie werde ich die Pforte da hinten bestimmt auf kriegen.” Gedacht, getan, Struppi, der die Menschen schon öfters beim Türöffnen beobachtet hatte, erinnerte sich, dass es irgendetwas mit dieser Klinke zu tun haben musste, warum die Türe bei den Menschen aufging, wenn sie daran herumfummelten, bei ihm jedoch nicht, wenn er nur an der Tür krtzte oder einfach dagegen sprang. Nach zahlreichen Versuchen gelang es ihm dann auch tatsächlich, die Tür zu öffnen und er trat in das Gehege ein. “Mädels, ich bin kein Mörder, aber ich habe Kohldampf und eure Eier, die müssen jetzt dran glauben” kläffte er in die aufgeregt gackernde Menge. Nach einem Dutzend Eiern legte er sich dann zufrieden schlafen.
Im Krankenhaus hatte sich Melanies Zustand mehr und mehr stabilisiert und so war sie nun vernehmungsfähig. Sie war ausser sich vor Wut und Entrüstung über das was man ihrem Mann da unterstellt hatte und verlangte seine sofortige Freilassung. “Selbstverständlich wird ihr Mann wieder auf freien Fuss gesetzt” beruhigte sie der Kommissar, “aber wir müssen ihre Aussage natürlich noch notariell beglaubigen lassen, da sie ja bis auf weiteres nicht vor Gericht aussagen können. Das ist natürlich im Moment schlecht, denn es ist Freitag abend und da arbeitet kein Notar mehr. Das machen wir aber gleich am Montag und dann können wir es Dienstag schon dem Richter vorlegen. Da es sich ja hier eindeutig um einen unglücklichen Justizirrtum handelt, wird der Richter entsprechend schnell entscheiden und ihr Mann ist vielleicht schon Ende nächster Woche wieder draussen.” “Das ist gut”, antwortete Melanie kühl, “da haben sie ja über eine Woche Zeit, um sich ihre Aussage zurecht zu legen.” Der Kommissar  sah sie fragend an. “Ihre Aussage bezüglich des Disziplinarverfahrens, das ich ihnen anhängen werde, wenn mein Mann nicht in spätestens zwei Stunden wieder zu Hause ist!” brüllte sie ihn erklärend an. “Und jetzt raus hier, ich denke, dass sie noch etwas wichtiges zu erledigen haben!”
 
Struppi war bereits eingeschlafen und träumte von einem ausgiebigen Eierfrühstück. Als er jedoch am nächsten Morgen wach wurde, war an ein solches Frühstück nicht mehr zu denken. Zum einen deshalb nicht, weil er das Türchen offen gelassen hatte und sämtliche Hennen auf und davon waren, die hätten Eier legen können und zum anderen deshalb nicht weil der Farmer bedrohlich schnell mit einem dicken Knüppel in der Hand auf ihn zu kam. “Man muss wissen, wann man am besten verschwinden sollte und das ist genau JETZT!” dachte sich Struppi und rannte, so schnell ihn seine Pfoten trugen. Der wütende Farmer warf seinen Knüppel hinter Struppi her, der ihn auch noch hinten an der Kuppe traf. Er jaulte kurz auf, aber er rannte weiter. Er wusste, dass es nicht gut für ihn ausgehen würde, wenn er von diesem Hünen gefangen würde. “Ich weiss nicht, was mehr weh tut”, dachte er sich, “die noch immer blutigen Pfoten, der Bauch, der Brummschädel, den ich mir in diesem blöden Lieferwagen geholt habe, oder jetzt mein Hinterteil. Aber es hilft nichts, ich muss weiter und das im Moment recht schnell!”
Zu dieser Zeit öffneten sich die Gefängnistore und Franz wurde frei gelassen. “Das Zwei-Stunden-Ultimatum ihrer Frau war beim besten Willen nicht zu realisieren, ich hab getan, was ich konnte” erklärte ihm der Kommissar. “Schon gut, schon gut, ich hab jetzt erst mal andere Sorgen”, würgte ihn Franz ab, “sie können es wieder gut machen, wenn sie mich jetzt ins Krankenhaus zu meiner Frau fahren und wenns geht ohne ihre “Armbänder”. Dieses Silber steht mir nicht!” Der Kommissar willigte ein, denn abgesehen von seinem schlechten Gewissen, waren da auch noch diverse Verfahrensfehler und eine Dienstaufsichtsbeschwerde würde ihm wahrhaftig mehr als schaden.
Franz war überglücklich, als er im Krankenhaus seine Frau wiedersah, die ihm ein verschlafenes Lächeln schenkte. Wie sehr er doch dieses Lächeln liebte und die ganze Zeit geglaubt hat, er würde dieses Lächeln nie wieder sehen können. “Wie geht es Dir?” hauchte er plump, aber es viel ihm vor lauter Glück nichts anderes ein. “Ein wenig müde”, antwortete sie, “die Ärzte haben mir ein Beruhigungsmittel verabreicht, aber sie haben mir versichert, dass ich wieder ganz die Alte werde. Wie geht es Struppi? Wo war er denn in der Zwischenzeit gewesen?” “Dem geht es gut”, log Franz, um sie nicht zu beunruhigen, “er war bei einer Pflegefamilie und jetzt wartet er auf sein Frauchen”. “Sag ihm liebe Grüsse und dass ich bald schon nach Hause komme”, sagte sie und schlief ein. “Mach ich, ruh dich aus, ich komme dann heute Nachmittag noch einmal”, flüsterte er und schlich sich aus dem Krankenzimmer. Draussen stand immer noch der Kommissar, der wohl ein sehr schlechtes Gewissen haben musste. “Bringen sie mich auf dem schnellsten Weg ins Tierheim”, kommandierte Franz, der dieses schlechte Gewissen für sich zu nutzen wusste und der Kommissar gehorchte, um seine Karriere nicht unnötig zu gefährden.  Im Tierheim anghekommen bekamen sie dann die ernüchternde Antwort, dass der Hund vermittelt sei. Als man ihnen Namen und Adresse der neuen Besitzer verweigerte, schaltete sich der Kommissar ein. “Wie sie wollen, dann kommen wir eben mit einem richterlichen Durchsuchungsbefehl zurück. Bei der Gelegenheit bringe ich auch gleich die Kollegen vom Gesundheitsamt und der Seuchenschutzbehörde mit.” Diese leeren Drohungen zogen meistens und so auch hier und sie bekamen die gewünschten Informationen. “Sie brauchen nichts zu sagen, wir fahren ja schon hin”, quittierte der Kommissar das tiefe Luft holen von Franz und schnitt ihm den zwangsläufig folgenden Satz von vorn herein ab.
Was sie dort jedoch erfahren mussten hatten beide nicht erwartet. Wortlos und resigniert schlurchte Franz zum Auto des Kommissars zurück. “Sie habe getan, was sie konnten, Danke.”, sagte Franz schliesslich, als sie bereits wieder im Auto waren. Der Kommissar versprach ihm, seine Kollegen nach dem Hund Ausschau halten zu lassen und fuhr ihn nach Hause.
Struppi war wieder tief in den Wald hinein gelaufen und fand eine kleine Schutzhütte für Wanderer. Unweit dieser Hütte hatten Forstleute Kraftfutter für Wildtiere ausgelegt. “Idealer Platz um ein paar Tage aus zu ruhen und die Wunden verheilen zu lassen” dachte sich Struppi und genehmigte sich erst einmal eine Portion von dem Wildfutter. “Pfui Spinne! Das Zeug schmeckt ja wirklich wiederlich, aber in der Not, da frisst der Hund ja bekanntlich sogar Gemüse und für ein paar Tage, bis ich mich wieder etwas erholt habe, wird es schon gehn.”
Drei Tage später, Melanie wurde aus dem Krankenhaus entlassen, jedoch mit der Auflage, sich die nächste Zeit noch sehr zu schonen und Struppi setzte seine Reise fort. Seine Pfoten schmerzten zwar nach wie vor, aber wenigstens bluteten sie nicht mehr. Franz dagegen überlegte verzweifelt, wie er es seiner Frau am schonendsten beibringen soll, dass Struppi weg ist. Zuhause angekommen war es dann endlich unwiderruflich Zeit für die bittere Wahrheit, Melanie ging, inm Haus angekommen, zielstrebig auf den Sessel im Wohnzimmer zu und als sie diesen leer vorfand, drehte sie sich fragend zu Franz um. “Ich wusste nicht, wie ich es dir beibringen soll”, stotterte er, “Struppi ist bei der Pflegefamilie, naja eigentlich ist er zu denen vermittelt worden, ausgerissen. Der Kommissar und ich haben alles abgesucht und seine Kollegen halten alle Ausschau nach Struppi, aber eben ohne Erfolg.” Nachdem jetzt endlich die Wahrheit draussen war, sank er weinend wie ein kleines Kind in den Sessel. Melanie setzte sich auf die Lehne und nahm ihren Franz tröstend in den Arm. “Ich weiss, dass du alles menschenmögliche getan hast und ich weiss auch, dass du den Hund genauso liebst wie ich. Wir werden morgen...” “Einen anderen Hund holen?”, unterbrach sie Franz, “nein, das kommt nicht in Frage, für Struppi gibt es keinen Ersatz!” “Das meinte ich ja auch gar nicht, ich meinte, wir werden morgen nochmal die ganze Strecke abfahren, mit unserem Auto, vielleicht erkennt er das Motorengeräusch wieder.” Das leuchtete ein, sie hatte ihn ja im Auto aus dem Tierheim geholt und auch sonst hat er immer schon freudig mit der Rute gewedelt, wenn er das Auto schon von weitem kommen hörte. Warum war er nicht auf die Idee gekommen; hoffentlich ist es jetzt nicht schon zu spät.

Sie sassen noch ein paar Stunden so auf dem Sessel und trösteten sich gegenseitig, als sie plötzlich ein leises Kratzen und ein erbärmliches Fiepen an der Haustür hörten. Wie von der Tarantel gestochen sprang Franz auf und eilte zur Haustür. Als er sie öffnete lag vor ihr ein kleiner, völlig erschöpfter Hund. Seine Pfoten waren abermals blutig gelaufen und er brauchte nur noch ein schwaches Klopfen mit der Rute auf den Boden zustande, als er Franz in der Haustür stehen sah. Es war Struppi, er hatte den Weg doch noch zurückgefunden und als jetzt auch noch Melanie in der Haustür erschien, robbte er mit letzter Kraft noch ein Stückchen näher “Frauchen! Du? Ich dachte du wärst tot! Ich hatte gedacht ich hätte versagt, weil ich dir nicht helfen konnte. Darf ich jetzt wieder bei euch bleiben?” “Struppi!” Franz und Melanie fielen sich in die Arme, dann nahmen sie den Hund auf den Arm und trugen ihn zu seinem Sessel. “Du kommst schon bald wieder auf die Beine. Frauchen macht dir jetzt was leckeres zu fressen und ich bringe dir etwas Milch, die du doch immer so gerne säufst, auch wenn du davon wieoft Durchfall bekommst. Und dann bleiben wir für immer zusammen, als eine glückliche Familie.” “Oh ja”, dachte Struppi glücklich, ”ich will auch nur noch von Euch verhauen werden!” und drehte sich auf den Rücken und liess sich von Franz kraulen bzw. “so angenehm verhauen”, wie Struppi es nannte.

Martin A. Floessner

 

4.7.09 10:46
 


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